Warum ein zweiter Anker überhaupt sinnvoll sein kann
Ich habe im Laufe meiner Törns immer wieder erlebt, dass ein einzelner Anker unter anspruchsvollen Bedingungen an seine Grenzen stößt. Ein zweiter Anker bietet nicht nur zusätzliche Sicherheit bei Starkwind oder wechselnden Strömungen, sondern eröffnet auch taktische Möglichkeiten: Bahamian Mooring, Riding-Anchor gegen Heck-gegen-Wind-Situationen oder einfach ein Backup, wenn die erste Kette versagt. Für mich ist der zweite Anker kein Luxus, sondern eine sinnvolle Ergänzung, wenn ich in rauen Revieren, engen Buchten oder bei mehrtägigen Aufenthalten vor Anker unterwegs bin.
Typische Situationen, in denen ich einen zweiten Anker verwende
- Vor Anker in engen oder gezeitenreichen Buchten mit wechselnder Strömung
- Wenn starker, drehender Wind angesagt ist (Frontdurchgang, Bora, Mistral)
- Bei längeren Aufenthalten in Anchorage ohne schnellen Hafen als Ausweichmöglichkeit
- Bei Fahrten in Gebieten mit schlechter Grundbeschaffenheit (Felsen, Seegras, weicher Schlick)
- Als Ausweichverfahren bei Problemen mit der Hauptankerkette (Verklemmen, Knoten)
Wie ich entscheide: Zweiter Anker ja oder nein — eine Checkliste
Bevor ich auslege, frage ich mich kurz folgende Punkte — das sind meine Entscheidungsparameter:
- Windprognose: Stärke und Richtungssicherheit (dreht der Wind oft?)
- Gezeiten/Strömung: Gibt es starke Strömung oder große Tidenwechsel?
- Grundbeschaffenheit: Sand, Seegras, Fels oder Schlamm — gibt das guten Halt?
- Platzangebot: Genügend Raum, um bei einem Schwojenradius mit zwei Ankern nicht an andere Schiffe zu geraten?
- Besatzung & Ausrüstung: Habe ich Manneskraft, Ankerwinsch, zusätzliche Kette/Leine und Trippleine?
Belastungsrechner: grobe Abschätzung der Kräfte am Anker
Ich nutze einfache Abschätzungen, um die erwarteten Kräfte zu bewerten. Die wirkende Kraft am Anker ist vor allem Windkraft auf die segelflächenäquivalente Fläche (inkl. Aufbauten). Eine vereinfachte Formel, die ich verwende, lautet:
F ≈ 0,5 × ρ × Cd × A × V²
Wobei:
- ρ ≈ 1,225 kg/m³ (Luftdichte)
- Cd ≈ 1,0–1,6 (Formfaktor; Hallen- oder Aufbaubereich)
- A = projizierte Fläche über Wasser (m²)
- V = Windgeschwindigkeit (m/s)
Praktisch heißt das: Bei 30 kn (≈15 m/s) mit A = 40 m² und Cd = 1,2 ergibt sich eine Kraft von rund 5 400 N (≈550 kgf). Das ist die Last, die Ankerkette und Boden halten müssen. Zwei Anker teilen die Last — aber nur, wenn sie richtig gesetzt sind und verschiedene Winkel bilden.
Ankerarten und ihre Einsatzbereiche
- Plattenanker (z. B. Rocna, Mantus): Sehr gute Selbsthak-Eigenschaften in Sand und Lehm — meine erste Wahl für viele Reviere.
- Delta/CQR: Klassisch, guter Setzer in unterschiedlichsten Böden, aber mehr Masse nötig bei leichtem Halt.
- Fluke/Spannglieker (z. B. Fortress): Leicht und effizient, besonders für Trailerboote; bei sehr harten Böden weniger zuverlässig.
- Grapnel: Gut für felsigen Grund oder als zusätzlicher Haken / Bootshaken-Anker, weniger für dauerhafte Haltbarkeit bei starkem Wind.
Ketten- und Leinenwahl: Worauf ich achte
Kette ist in meinen Augen das Rückgrat einer sicheren Verankerung: Gewicht und Abriebfestigkeit sorgen für horizontale Belastungsdämpfung am Anker. Einige Grundregeln, die ich befolge:
- Bevorzugt Kette vor reiner Leine; mindestens die vorderen 10–20 m Kette, je nach Bootslänge.
- Die Kettendicke muss zur Bootsgröße, dem Anker und dem Winschsystem passen.
- Nytex- oder Polyester-Leinen mit starkem Bruchtest als Verlängerung — aber niemals dauerhaft statt Kette in rauem Revier.
- Mit einem Snubber die Schocklasten von der Kette auf die Leine übertragen und somit Winsch & Kettenstoppen entlasten.
Tabelle: Richtwerte für Kettenstärken (typisch, orientierend)
| Bootslänge (m) | Empfohlene Kettendicke (mm) | Gängiger Ankersatz |
|---|---|---|
| Bis 8 m | 6–8 mm | Leichter Platten- oder Fluke-Anker |
| 8–11 m | 8–10 mm | Robuster Platten- oder Delta-Anker |
| 11–14 m | 10–12 mm | Plattenanker (Rocna/Mantus) oder CQR |
| 14–18 m | 12–16 mm | Große Plattenanker, schwere Ketten |
Praktische Entscheidungs-Hilfe: So gehe ich vor
Wenn ich anlege und unsicher bin, folge ich dieser Reihenfolge:
- Windsituation prüfen (kurzfristige Vorhersagen, Radar/Apps)
- Grund sondieren (Bootskarten, lokale Infos, Ankerproben beim Auslegen)
- Auslegen des Hauptankers mit ausreichend Scope (bei moderatem Wind mind. 5–7:1, bei starkem Wind 7–10:1)
- Bei unsicherem Halt verbleibe ich an der Kette und beobachte — rutschender Anker sofort sichern und zweiten setzen
- Zweiten Anker in passendem Winkel setzen (ca. 45–90° Versatz), oder Bahamian Moor bei stark drehendem Wind
- Snubber, Kettenstop und Kontrollleinen anbringen; Position prüfen (GPS-Track) und regelmäßig beobachten
Wie viel Kette und wie viel Anker? Praktische Empfehlungen
Ich trage mindestens zwei Anker — einen schweren Plattenanker als Hauptanker und einen kleineren, gut strotzenden Zweitanker (z. B. ein leichter Fortress oder ein Grapnel als Ergänzung). Für längere Törns oder rauere Reviere habe ich zusätzlich eine Reservekette oder eine Leinenverlängerung im Heckfach. Allgemein gilt: lieber etwas mehr Kette als zu wenig; das zusätzliche Gewicht zahlt sich in Ruhe und Sicherheit aus.
Tipps aus der Praxis
- Übe gesetzt: Setze beide Anker bei ruhigem Wetter einmal bewusst; die Abläufe sollten sitzen.
- Markiere Kettenlängen: Sichtbare Markierungen helfen bei schnellem Ausbringen und Wiedereinholen.
- Kompatibilität prüfen: Kette, Winsch und Ankersystem müssen zueinander passen — kein zu dünnes Kettenglied zur Winsch.
- Tripleine am zweiten Anker: Erleichtert das Bergen bei Verhaken.
- Marken: Rocna/Mantus bieten starke Setzeigenschaften, Fortress ist leicht und praktisch als Reserve.
Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen anhand Ihrer Bootsgröße, der typischen Reviere und Ihrer vorhandenen Ausrüstung eine konkrete Empfehlung zur Kettenstärke, Ankergewicht und einem sinnvollen Backup-Setup ausrechnen — schreiben Sie mir die Details, dann rechne ich das durch.